Presse FAZ-Artikel
Einmal sich wie Tarzan schwingen
Klettern steht hoch im Kurs: In diesem Jahr haben drei Abenteuer-Parks in
der Region eröffnet - und es gibt Pläne für weitere.
VON JULIA RIPPE
RHEIN-MAIN. Konzentriert klettert Nick Mieth erst
über zwei Schlaufenbrücken, dann über einen wackeligen Holzbalken
und schließlich über ein dünnes Stahlseil - alles in etwa
zwölf Meter Höhe. Gewissenhaft hakt der sieben Jahre alte Schüler
den Karabiner an das rote Drahtseil, damit nichts passieren kann, wenn er
ausrutscht. Es ist sein Geburtstag, und er hat sich einen Besuch im Abenteuerpark
in Offenbach gewünscht. "Mit neun Jungs zu Hause zu feiern, da gibt
es nur Geschrei. Heute kann man die Kinder nicht mehr mit Topfschlagen begeistern",
weißNicks Mutter, Claudia Mieth. Deshalb hat sie die Feier zwischen
die Baumwipfel des Leonhard-Eißnert-Parks in Offenbach verlegt. Exklusiv
ist diese Idee freilich längst nicht mehr. "In der Woche haben wir
etwa 30 Kindergeburtstage", berichtet Park-Manager Kaj Birnie.
Die Faszination der Abenteuerparks ist offenbar im Rhein-Main-Gebiet besonders
stark ausgeprägt, allein in in diesem Jahr haben drei neue eröffnet.
Mittlerweile gibt es in der Region fünf solche Kletterwälder,
einen weiteren in Viernheim bei Mannheim und einen Indoor-Hochseilgarten.
Im nächsten Jahr sollen bis zu drei neue eröffnen. Die Idee war
vor etwa 15 Jahren aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland gekommen.
An die 200 Plätze für alle ohne Höhenangst sollen inzwischen
entstanden sein.
In Offenbach laufen die Geschäfte offenbar gut. Seit der Eröffnung
im April dieses Jahres haben mehr als 27 000 Menschen den Seilgarten besucht.
Ob Schulklassen, Familien, Jugendliche oder Rentner - alle Altersgruppen
sind vertreten. Deshalb möchte die Fun Forest GmbH einen weiteren Klettergarten
in Frankfurt errichten. Auch die Stadt macht sich für den Bau stark:
"Wir möchten Jugendlichen ein attraktives Freizeitangebot in der Natur
ermöglichen", äußert Wendelin Friedel, Referent von Umweltdezernentin
Manuela Rottmann (Die Grünen). Außerdem stamme schon jetzt die
Hälfte der Schulkassen und Gruppen, die den Kletterpark in Offenbach
besuchten, aus Frankfurt. Allerdings gestaltet sich die Suche nach dem Standort
schwierig. Zunächst war der Carl-von-Weinberg-Park im Gespräch.
Eigentlich sollte noch in diesem Herbst mit dem Bau begonnen werden. Doch
Anwohner der Grünfläche sperrten sich gegen die Pläne. Sie
befürchteten zusätzlichen Verkehr in ihrem Viertel.
Wie großdie Resonanz ist, hängt von dem Konzept ab, die Spaßgesellschaft
ist wählerisch. Und Hochseilpark ist schon längst nicht mehr Hochseilpark.
Zu unterscheiden ist zwischen der klassischen Variante mit pädagogischem
Konzept und der neuen Spielart mit dem Hauch von Abenteuer. Im ersten Fall
werden zumeist Schulklassen oder Firmenabteilungen von Pädagogen begleitet
und beobachtet. "Teambildung, die Verbesserung von Kommunikation und das
Gewinnen von Vertrauen stehen im Vordergrund", sagt Teamtrainerin Cornelia
Grix. Die Frankfurterin, die in Bornheim eine Praxis für Psychotherapie
hat, begleitet oft die Mitarbeiter von Unternehmen in Hochseilgärten.
Die Abenteuerparks haben sich hingegen erst in den vergangenen Jahren entwickelt.
Es geht dabei vor allem um Spaß und Naturerfahrung. Michael Trefs,
Mitinhaber der Fun Forest GmbH, hat, wie er sagt, 2003 am Bodensee den ersten
hierzulande gebaut, mittlerweile betreibt der ehemalige Skilehrer auch noch
einen in der Nähe von Karlsruhe.
Kletterparks sind in ihrem Zielpublikum längst über Kindergeburtstage
hinausgewachsen, weil diese Art der Freizeitgestaltung dem Zeitgeist entspreche,
analysiert Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen.
"Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich Langeweile zu einer schleichenden
Krankheit entwickelt. Die Suche nach Abwechslung, Nervenkitzel und Grenzerfahrung
fasziniert dabei vor allem die junge und mittlere Generation", meint er.
Vielleicht ist auch Anke Köckenberger auf der Suche nach Abwechslung
gewesen, als sie die 30 Kilometer von Kleinwallstadt zum Offenbacher Abenteuerpark
gefahren ist. An der Kasse bekommt sie einen blauen Schutzhelm und einen
Gurt um die Hüfte. Dann weist das Personal des Kletterparks sie in
die Sicherheitsvorschriften ein. Von da an ist sie auf sich alleine gestellt.
Seilrolle einhängen, umseilen, rutschen, festhalten - jetzt kann sie
ihre Fitness unter Beweis stellen. "Es macht Spaß, aber es erfordert
auch viel Konzentration", beschreibt sie die Faszination, nachdem sie wieder
festen Boden unter den Füßen hat.
Das Meistern von Herausforderungen mache eben den Reiz dieser "Kicksportart"
aus, weiß Dirk Steinbach von der Deutschen Sporthochschule Köln.
Kraft, Beweglichkeit und Koordination seien plötzlich wieder gefragt.
Als Gegensatz zum Büroalltag: "Da funktioniert doch alles auf Knopfdruck."
Kastentext:
Klettern, aber wo? Dort zum Beispiel
Abenteuerpark Offenbach: Seit April 2007 im Leonhard-Eißnert-Park.
Preise: Kinder 13 Euro, Erwachsene 18 Euro. Internet: www.abenteuerpark-offenbach.de
Kletterwald Darmstadt: Direkt am Hochschulstadion, seit Juni 2007. Preise:
Kinder 12 Euro, Erwachsene 18 Euro. (www.kletterwald-darmstadt.de)
Kletterwald Neroberg: Hoch über Wiesbaden wird seit Juni 2006 gekraxelt.
Preise: Kinder 12 Euro, Erwachsene 18 Euro. (www.kletterwald-nero-
berg.de) Kletterwald Taunus: Seit 2007 in Friedrichsdorf bei Bad Homburg.
Preise: Kinder bis 11 Jahre 10 Euro, Erwachsene 15 Euro. (www.kletterwald-taunus.de)
Abenteuerwald Michelstadt-Würzberg: Seit April 2005 wird dort geklettert.
Preise für den großen Parcours: Kinder 14 Euro, Erwachsene 19
Euro. (www.abenteuer-wald.com)
Kletterwald Rhein-Neckar: Seit März 2007 in Viernheim bei Mannheim.
Kinder 10 Euro, Erwachsene 15 Euro. (www.kletterwald-rhein-neckar.de)
Indoor-Hochseilgarten: In Schmitten-Oberreifenberg seit 2001. Tagespauschale
9 Euro. (www.tauna-tours.de)
juri.
| Bildunterschrift: | 12 000 Meter Stahlseil zwischen 140 Bäumen
- und das alles ohne eine Schraube: Der Offenbacher Abenteuerpark im
Leonhard-Eißnert-Park. Fotos Kai Nedden, dpa. Ganz locker: Trainer Markus Ständer in Darmstadt. Foto Kretzer. Sicherheit geht vor: Der Karabinerhaken muss immer eingehängt sein. |
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